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Warum hat Rudolf Steiner die Sonnensprache nicht selber herausgebracht?


Viele Vorhaben konnte Rudolf Steiner in seiner Zeit nur andeuten. Sie wurden nicht wirklich aufgenommen. Er musste sie ruhen lassen oder konnte sie nur indirekt befördern. So ging es ihm mit seinen Versuchen, die damaligen Geistesschüler zum übenden Umgang mit der Erkenntnisart der Inspiration, dem ‹Lesen in der verborgenen Schrift› anzuregen.

In den Stunden seiner Esoterischen Schule versuchte er das bis 1911 immer wieder. Dann gab er es auf. Die ‹verborgene Schrift› wird zum beschwiegenen Untergrund der künstlerischen Aktionen und Schulungen. Kapitäle, Architrave, Glasfensterkombinationen und der Metamorphose-Stil des Goetheanums, die Laute und Formen der Eurythmie und die Stossrichtung seiner Sprecherziehung sind herausragende Beispiele dieses indirekten Hoffens und Vorbereitens.

Was damals die Menschen hinderte, erlebte er schmerzlich und charakterisierte es scharf: «Ich würde sehr gerne den Inhalt meiner ‹Philosophie der Freiheit› zeichnen. Das liesse sich ganz gut machen. Nur würde man es heute (1917) nicht lesen können. Man würde es heute nicht empfinden können, weil man auf das Wort dressiert ist.» Dressiert, das ist kein milder Ausdruck. Das richtige Sich-lösen von der Sprache, die im Normalfall im und für den Menschen denkt und das Kennenlernen, wie die Welt selber denkt, dazu sollte das Denken in Formen beitragen.

Steiner stand eine Zeichenschrift vor dem inneren Auge, die man verstehend lesen und empfinden kann; eine Zivilisationstechnik, entwickelt nach dem Vorbild eines wesentlichen Mittels seiner übersinnlichen Forschung. In ihr sind, ganz aristotelisch, die Ideen Formen: Die Zeichen sind Abbilder der Kraftformen und Formkräfte, die auch die Gestalten der sinnlichen Wirklichkeit erzeugen. Er ‹sah› das Wirken der Formen, die sich Aristoteles nur denkerisch erschlossen.

Und tatsächlich hat Rudolf Steiner zwei Jahre nach dieser Äusserung praktisch unbemerkt eines seiner Werke vollständig in Zeichen umgesetzt. Er tat es für den ‹Seelenkalender›, ein hochkomplexes Werk aufeinander bezogener Meditationsformeln. Dieses beliebte, und dabei meist unterschätzte Meditationsbuch, in seiner inneren Architektur ähnlich einfach-komplex wie das chinesische I Ging, veröffentlichte er 1912 als Vorarbeit für ein esoterisches Grossvorhaben. In den Jahren 1919-1920 entwarf er dann choreografische Formen, die dazu dienten, die Meditationsformeln als eurythmische Kunstwerke auf die Bühne zu bringen. Diese Formen wurden als ‹Kunst› nur empfunden, nicht ‹gelesen›, das heisst nicht als Inspirationsaussagen, nicht als okkulte Schrift erfasst. (Soetwas hat man lange Zeit für ‹intellektuell› und schädlich gehalten.)

Was wird in den Logogrammen geschildert? Steiners grosses Thema (in seinem Seelenkalender wie in seinen philosophischen Werken): Wie das wache Ich gebildet wird und sich bildet aus und in den beiden Weltenströmen von Wahrnehmen und Denken. Wie es durch Hingabe und Aktivität eingebunden ist in die umgebende Natur-Welt. Wie es sich aus ihr herausindividualisiert und sich mit ihr vereinigt. Das Beziehungsgefüge «Ich und Welt» wird auf verschiedenen Ebenen angeschaut: Geistig-innerlich wie leiblich-physiologisch, in Naturerlebnissen und in Wesenserfahrungen. Viele Vorhaben konnte Rudolf Steiner in seiner Zeit nur andeuten. Sie wurden nicht wirklich aufgenommen. Er musste sie ruhen lassen oder konnte sie nur indirekt befördern. So ging es ihm mit seinen Versuchen, die damaligen Geistesschüler zum übenden Umgang mit der Erkenntnisart der Inspiration, dem ‹Lesen in der verborgenen Schrift› anzuregen.

In den Stunden seiner Esoterischen Schule versuchte er das bis 1911 immer wieder. Dann gab er es auf. Die ‹verborgene Schrift› wird zum beschwiegenen Untergrund der künstlerischen Aktionen und Schulungen. Kapitäle, Architrave, Glasfensterkombinationen und der Metamorphose-Stil des Goetheanums, die Laute und Formen der Eurythmie und die Stossrichtung seiner Sprecherziehung sind herausragende Beispiele dieses indirekten Hoffens und Vorbereitens.

Was damals die Menschen hinderte, erlebte er schmerzlich und charakterisierte es scharf: «Ich würde sehr gerne den Inhalt meiner ‹Philosophie der Freiheit› zeichnen. Das liesse sich ganz gut machen. Nur würde man es heute (1917) nicht lesen können. Man würde es heute nicht empfinden können, weil man auf das Wort dressiert ist.» Dressiert, das ist kein milder Ausdruck. Das richtige Sich-lösen von der Sprache, die im Normalfall im und für den Menschen denkt und das Kennenlernen, wie die Welt selber denkt, dazu sollte das Denken in Formen beitragen.

Steiner stand eine Zeichenschrift vor dem inneren Auge, die man verstehend lesen und empfinden kann; eine Zivilisationstechnik, entwickelt nach dem Vorbild eines wesentlichen Mittels seiner übersinnlichen Forschung. In ihr sind, ganz aristotelisch, die Ideen Formen: Die Zeichen sind Abbilder der Kraftformen und Formkräfte, die auch die Gestalten der sinnlichen Wirklichkeit erzeugen. Er ‹sah› das Wirken der Formen, die sich Aristoteles nur denkerisch erschlossen.

Heute

85 Jahre nach Steiners Tod ist ein Denken in Bilder- und Zeichenfolgen eine vielgeübte Zivilisationstechnik. Iconic turn 1), Bildwende ist das Wort für diesen Bewusstseinsumschwung. Statt mit wortreichen Satzungen regelt man heute Zusammenarbeit lieber durch Organigramme; Entscheidungsträger müssen heute Charts und Diagramme sicher erfassen und einsetzen können. Parallel zur Kultur der software-Programme, die nichts anderes sind als aufeinander wirkende Zeichen-Texte, entwickelte sich ein Denken in Symbol-Worten und -Formeln. Damit legt man Gedanken-Prozesse fest, in denen man die Gedanken-Inhalte austauschen und ‹verarbeiten› kann. 2)

Nach dem iconic turn ist die Zeit reif für ein ganzes Buch in Formgedanken. Rudolf Steiners gezeichneter Seelenkalender ist in seinen Form- und Farbangaben 90 Jahre nach seiner Entstehnung erstmals grafisch und inhaltlich erschlossen worden. Unter dem Titel «Sonnensprache» (nach Steiner ist die Sprache der Inspiration die Sprache der Sonnensphäre) ist damit ein posthumes opusculum magnum Steiners ans Licht gehoben. Die Zeit für ein lange verhindertes Vorhaben Rudolf Steiners könnte gekommen sein.

1) Die Wortprägung iconic turn stammt von dem Basler Kunstgeschichtler Gottfried Boehm, der sie allerdings für einen etwas anderen Begriff prägte. Der Sprachgebrauch hat nach diesem Wort gegriffen, um die neue Erfahrung zu bezeichnen.

2) Ein Beispiel für einen Prozess-Satz, bei dem die Inhalte ausgetauscht werden können: «Unsere Personalentwicklung ist gekoppelt an die Wertentscheidungen unserer Kunden.»
 In diesem Satz sollen die Worte Personalentwicklung, Wertentscheidung und Kunde voll bewusst auch etwas ganz anderes als Person, Entwicklung, Wert, Entscheidung und Kunde bedeuten können.
Minus-Beispiel: "Wenn Leute, die von uns abhängig geworden sind (»Kunden»), statt Entscheidungen zu treffen, sich von Wertlosem zu zwanghaften Kaufhandlungen bestimmen lassen, werden wir unser eigenes Menschenmaterial entsprechend zu zwanghaft gesteuerten Non-Personen umformen."
Plus-Beispiel: "Wenn die engelgleichen Menschen, denen zu dienen uns ökonomisch im Dasein hält, nur mit Produkten und Dienstleistungen etwas anfangen können, die Ausdruck der Kreativitätsentwicklung der Dienstleistenden sind, sind wir entschlossen, den Schöpfer-Kern derjenigen, die mit uns arbeiten wollen, in diesem Dienst zur Entfaltung zu bringen."
Die Wortsymbole, die im Ausgangssatz an die Stelle der alten inhaltlich bestimmten Worte getreten sind, sind so gebaut, dass allein die Abhängigkeit des Produkts "Personalentwicklung" von dem Faktor "Kundenbegehren" festgelegt wird. Alle anderen Gedankeninhalte, auch die existentieller moralischer Natur, die “wie selbstverständlich" mitgedacht werden, löscht solche Symbolsprache aus.
Wie für diese Bewusstseinsart neue angemessene Steuerungsgedanken gewonnen werden, die den sich hier abzeichnenden Absturz in den Nihilismus verhindern, ist Thema und Praxis von Steiners Übungen zur Inspiration.