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Karmaschauen erweckende Formen


Wie hängen Karma und Umstülpungen zusammen?

Die Idee von Reinkarnation und Karma war auch vor Rudolf Steiner in Europa verbreitet. Aber er hat etwas ganz Neues zum Karmabegriff hinzugefügt. Bis zu ihm war die vorherrschende Idee von Wiederverkörperung und Schicksal die Kontinuität. Das gleiche Wesen verkörpert sich, das Schicksal geht kontinuierlich weiter. Diesen Begriff stülpte Rudolf Steiner vollständig um.

«Das Karma des Mannes ist die Frau. – Das Karma der Frau ist der Mann.» Karma ist nicht Geschlechtskontinuität sondern Geschlechtswechsel, möglichst in rhythmischer Totalumstülpung gedacht. – «Der Leib meiner vorigen Verkörperung wird zum Kopf der jetzigen.» Von Verkörperung zu Verkörperung stülpt sich meine Gestalt und mein Charakter vollständig um. Mein Wesen, das durch die Verkörperungen geht, ist nicht die Form, die in dem einen Leben erschienen ist. Mein Wesen ist dasjenige, was die eine Charakterform in ihr Gegenstück, in ihr «Anderes», ihr Gegen-Teil verwandelt. Das Ich ist nicht das Gestaltete, es ist die Kraft, die die Gestalt verwandelt.

Da strebe ich im Leben etwas ganz intensiv an. Aber Schicksalskräfte wirken gezielt dagegen und verhindern das Gewünschte, das doch schon so nahe war. Steiner sagt: Da ringt das Ich der jetzigen Verkörperung mit dem Ich der vergangenen. Mein wahres Wesen ist dasjenige, was die beiden komplementären Ich-Formen umgreift, das Formfreie, das die Gestalten entstehen und vergehen lässt.

Erstmals künstlerisch anschaubar und nacherlebbar machte Rudolf Steiner diese, die Gegensätze übergreifenden, im Formfreien (sanskrit: arupa) waltenden Kräfte in seinen gemalten Säulenkapitälen und «Planetensiegeln». Daraus entwickelte er die vielfach aufeinander bezogenen Forminversionen des Goetheanumbaues. Es handelte sich um Form- und Motivumstülpungen nicht nur in den Skulpturen der Architrave, Kapitäle, Sockel und Throne, sondern auch in der Malerei und den Fenstermotiven, bis hin zur Umstülpung der Baukörper selbst (Heizhaus, 2. Bau usw). «Karmaschauen erweckende Formen» nannte er sie, nachdem sie im Feuer einer Brandstiftung untergegangen war.

Ein vollständig selbständiger Gross-Korpus von mehr als 50 aufeinander bezogener Umstülpungsreihen Rudolf Steiners ist nun «entdeckt» und veröffentlicht worden. Die an sich gut bekannten Zeichnungen zur Choreographie des Seelenkalenders hat Martin Barkhoff als Formumstülpungen entschlüsselt und in neuen farbigen Grafiken ähnlich lesbar gemacht wie die Planetensiegel. So ist ein reichhaltiges Übungsbuch parallel zum Seelenkalender entstanden, in dem eine ganze kleine Welt von solchen Karmaschauen erweckenden Formbeziehungen für übende Menschen erschlossen wurde.
mb