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Umstülpung wird Thema


Markus Brüderlin, der Direktor des Wolfsburger Kunstmuseums – die entscheidende Persönlichkeit hinter der Rudolf-Steiner-Doppelausstellung in seinem Museum – hat den zentralen Formgedanken in Rudolf Steiners künstlerischem Werk identifiziert, die Umstülpung. Das ist mehr als bisher in der anthroposophischen Kunstszene geleistet werden konnte. Der Schritt über die blosse Metamorphose in die Kernzone von Steiners Form-Ideen ist bis anhin nicht eigentlich vollzogen worden.

Die Bedeutung des Umstülpungsgedankens hat Brüderlin biografisch erfahren. In der Realisation seiner Ausstellung > Interieur / Exterieur < 2008 erwies sich ihm das Inside-Out-Prinzip, die Inversion, als tragende Stuktur für alles Wohnort-Schaffen, Bauen, Haus-Erzeugen. Es wird ein Innen aus einem Aussen herausgetrennt und dann wieder mit ihm verbunden: "Privat" und "Öffentlich" stülpen sich dann wieder ineinander um. Die Beziehung von Innen und Aussen fasst sich sachlich am Treffendsten und künstlerisch am Anregendsten in der Umstülpung. Inversion, Inside Out / Outside In ist das, was Stadtplaner und Architekten, Kommunikationsdesigner und Gestalter seit mindestens 200 Jahren intensiv bewegt. Dieser Vorgang wird den Beteiligten immer bewusster, wird immer bewusster gestaltet.

Brüderlin ist sich klar darüber, dass es oberflächliche, bloss formale "Anwender" von Umstülpungen gibt, aber er weiss, wie tief Umstülpung greift. Dabei denkt er über die Grenzen einer bloss künstlerischen Theorie hinaus. Er sieht, das Umstülpung eine Methode zur Bewältigung von vernichtenden Schicksalsschlägen ist, er spricht von einer Methode der Überwindung. Er liest das daran ab, wie Steiner auf die Vernichtung seines stofflichen Lebenswerkes, auf das Niederbrennen des ersten Goetheanums antwortet: Er stülpt es um. Steiner geht mit seinem vernichteten Werk durch den Nullpunkt: Das ganz als Innenbau gedachte verwandelt sich ihm in ein nur geistiges Goetheanum. Und dann baut er einen Erinnerungsbau. Den konzipiert er ganz von aussen herein; als Aussenbau für das räumlich nicht mehr zu Betretende, das umgestülpte Andere. In einem Umstülpungsvorgang überwindet er die Lebenskrise.

Das ist tief beobachtet. Umstülpung ist das "Stirb und Werde” als Formgeschehen. Das ist Brüderlin "ein wirkungsmächtiges Paradigma der Moderne". Wem noch?


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So lange man nur "metamorphosiert", solange man nur mit den ewig lebendigen Bildekräften mitgeht und arbeitet, mit dem ununterbrochen umformenden Leben, "klein das Grosse, gross das Kleine", "so gestaltend, umgestaltend", so lange hat man bloss eine nette Kunst. Solche 'Kunst' fürchtet sich vor dem Nichts, vor dem Tod, vor dem Anderen, vor dem Geist. Die findet man alle erst jenseits des Nullpunkts. Von der Metamorphose zur wirklichen Umstülpung, das ist der Aufstieg zu einem anderen Paradigma, zu einer ganz anderen Kreativitätsebene.


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Ich selber bin diesem Sinn für Umstülpung an einem grossen Architekten begegnet. Wir formulierten 1998 die Ziele für den Architektur-Wettbewerb zum "Haus um die Schenkung". Das Projekt sollte aus den Notwendigkeiten und Nöten der umgebenden Gesellschaft Antworten hervorbringen. Und das sollte auch die bauliche Aufgabe sein.
Nicht so bauen:
sondern so:
von innen nach aussen von aussen nach innen

Das verstand Rem Koolhaas sofort. Er brachte es auf die Formel: "Man sollte keine Häuser bauen, sondern Städte." Er wurde der Architekt des Projekts.
mb