Texte


Vipassana und Rudolf Steiner


Zurück zu den Wurzeln

Auf seinem Weg in den Westen wurde der Buddhismus in den letzten 50 Jahren immer älter, immer ursprünglicher.
Als erste grosse Welle kam der Zen. Beatniks machten Zen, Dürkheim machte Zen, Jesuiten meditierten unter Anleitung von D. T. Suzuki usw. Zen ist eine neuere Strömung, vielleicht 1500 Jahre alt.
Dann kam Mahayana Buddhismus und Tibetischer Buddhismus. Dabei ging es um die Erlösung aller Wesen. So etwas verstanden die Nach-68er gut. Der Dalai Lama wurde eine Haushaltsgestalt. Der Kommentar zum Tibetischen Totenbuch von Sogial Rinpoche wurde ein Klassiker. Da gingen die Wurzeln schon 2000 Jahre zurück.
Und gegenwärtig tritt ein noch älterer Buddhismus in den Vordergrund, vor allem mit dem Vipassana, der Achtsamkeitsmeditation. Damit sind wir bei dem ganz frühen Buddhismus angekommen, bei Theravada, der Schule der Ältesten. Die Vorträge des Buddha selbst werden wieder intensiver studiert. Yoga und Hinduismus, auf die Buddha aufbaut, sind präsent. Und als Vipassana wird Buddhismus erstmals im grossen Stil durch westliche Lehrer vermittelt: Etwa durch Ion Kabat-Zinn und sein MBSR oder Joseph Goldstein und Jack Kornfeld.


Was ist Vipassana?

Es geht um Aufmerksamkeit. Vipassana ist ein Übungsweg, die Aufmerksamkeit zu stärken, zu reinigen und zu öffnen. «Die Dinge sehen, wie sie sind», nennt es der grosse indische Lehrer. Es ist gewissermassen «die andere Seite» der Meditation.
Meditation ist zum einen Versenkung in einen geformten Inhalt oder einen Non-Inhalt («Das Nichts»). Die andere Seite des Meditierens ist das Beobachten der Ereignisse in einem Bewusstseinsfeld. Bei der Versenkung geht es um ein Mantram oder einen Koan; bei der Beobachtungsmeditation geht es darum, ganz wach und gegenwärtig in dem zu leben, was man hört oder was der Lebenssinn in einzelnen Körperregionen erfährt und Ähnliches. Man ist ja nur dann in der Sinneswahrnehmung, wenn man im Hier und Jetzt ist. Das ist der Ort der Sinneserfahrung. Im Vorstellen und Erinnern ist man woanders. Dahin oder in Traum und Schlaf möchte der Bewusstseinsfokus stets gern abwandern. «Einfach» wach bleiben im Beobachten ist garnicht so einfach. Das Bewusstsein will ja ständig in Gedanken, Urteile und anderes wegflüchten.
Dieses achtsame Beobachten kann sich nun auf alles richten. Das Sehen zum Beispiel. Wie schaut man eigentlich? Grapscht man nur mit seiner Intention die grössten Reize mal so an und hat dann «alles gesehen»? Sieht man nur «Dinge», oder auch den Lichtraum zwischen den Dingen, der die Eindrücke in Reflektionen miteinander verwebt, Hervorhebungen schafft, den Seelenraum organisiert, die Einzeldinge zu sprechenden Komposoitionen verwebt usw.?
Gern wird auch das Auf- und Abweben der Vorstellungen und Gefühle im Bewusstseinsfokus beobachtet: Der Bewusstseinskern hebt sich als unbeteiligter Zuschauer heraus aus all dem Gewese, Gedenke und Gefühle, das sich im Innenraum abspielt. Kein Bewerten, erst recht kein Eingreifen: Zulassen, beachten, studieren, was sich abspielt (so wie es der ideale Ethnologe in Neu-Guinea oder Rhode Island machen würde).
Vipassana wird auch Einsichtsmeditation genannt, weil sie eine studierende, forschende Meditation ist: Man lernt die Seele kennen, wie sie ist und man lernt die Art kennen, wie man mit der Welt verbunden ist und umgeht; man lernt viel über die Wirklichkeit des Erkennens – eine Wirklichkeit, über die Erkenntnistheorie oft nur mutmasst oder herumpostuliert.
Man lernt seinen Körper kennen und die intime Durchdringung von Körper, Seele und Geist. Und das alles geschieht im Wesentlichen durch Beobachten; durch das Reinigen, Öffnen und Verstärken der Beobachtung.
Eine der Techniken der Beobachtungsverbesserung ist in dem Namen Vipassana festgehalten: «Sana» ist die Übung, «pas» heisst sehen. Es geht also um Sehübungen. Aber wie soll man sehen ? Das sagt die Silbe «Vi»: Ent-sehen, Auseinandersehen, etwas wegsehen. Beim entdeckenden Sehen sieht man die Decke weg, die das Unbekannte bisher verhüllt hat. Alte Vorstellungen decken das vor den Augen Liegende zu.
Die Gegenstände, die wir als fest zusammengefügte Dinge eigentlich nur checken, müssen wir auseinandersehen, um ihre Farben, Texturen und Valeurs agieren zu sehen. Denn dann fängt das an: Man sieht, hört und spürt Ätherisches und Seelisches im Wahrnehmungsraum. Das ist der Anfang davon, «die Dinge zu sehen, wie sie wirklich sind», wie der Buddha sagt.


Goethe...

Nun kommt Vipassana nicht erst jetzt im Westen an. Goethe war ein Meister des Vipassana. Manches was heute über Chakren geredet wird, hat weniger Substanz als seine Maxime: «Jeder neue Gegenstand, wohl beschaut, schliesst ein neues Organ in uns auf.» Er achtete im Beobachten sehr genau auf die Zustände und die Veränderungen seiner sinnlichen und seiner übersinnlichen Organisation. Und er fing etwas an, für das die östliche Tradition nicht die Voraussetzungen hatte.
Goethe führte das Vipassana, das «die Dinge sehen, wie sie wirklich sind», in die Naturwissenschaft ein. Seine Farbenlehre ist ein ganzes Experimentier-Instrumentarium, das den schauenden Blick zu einem Entdecker macht. Er entwickelt eine Botanik, die die Bildekräfte in der Pflanze sieht, die plastizierende Intelligenz. In dem berühmten ersten Diskurs mit dem von ihm bis dahin gemiedenen Schiller brachte er es auf den Punkt: Man kann die Ideen sehen, wie sie die Pflanzen bilden und weiterbilden. Das was wir denken (die Ideen), ist das gleiche das wir in der Natur an der Arbeit sehen.
Bei Aristoteles war es wohl noch mehr geahntes Postulat: Unsere Ideen und Begriffe sind «Formen», die wir aus der Natur ablösen (abstrahieren) und die da draussen die Wirklichkeit erzeugen. Bei Goethe wird das zur empirischen, zur naturwissenschaftlichen Tatsache. So machte Goethe unsere westliche Naturwissenschaft zu etwas, das stattfindet im Drinstehen in der schaffenden Natur, in der natura naturans. Das ist die Schiene des Vipassana, auf der auch Steiner die Aufgaben gestellt wurden.


... und Steiner

Der Buddha hatte es zu der Zeit, als er als Mensch lehrte, weder mit einer Naturwissenschaft zu tun, noch hatte er Veranlassung, den Anstoss zu diesem wirkmächtigen Impuls zu geben, der doch voll durch den Materialismus hindurchgehen muss. Sein Vipassana lehrte er als den Weg, wie man durch die Sinneswahrnehmung auf dem direktesten Wege zur befreienden Erkenntnis aufsteigt. In der Sprache Rudolf Steiners könnte sich das so anhören:

In der Empfindungsseele, der Seele, die mit den Sinnesempfindungen lebt, verwandelt der Mensch seinen Seelenleib in das Geistselbst. Die Empfindungsseele wird dabei zu der Intuitionsseele. Dann sieht sie die Dinge, wie die Dinge sind. Und wenn sich dann der ganze Seelenleib (Astralleib) verwandelt, nennt man das Erleuchtung. Das tat und lehrte der Erleuchtete.

Der Zivilisationsschwerpunkt hat sich seit damals, seit 2500 Jahren gewaltig verschoben. Naturwissenschaft und Technik haben nicht nur unwiderruflich eine ganz andere Umwelt und andere Sozialverhältnisse geschaffen. Auch die Menschen sind ganz anders. Die Menschen sind – zum Guten wie zum Schlechten – ganz anders hereingestrickt in die Abläufe der materiellen Welt. Die Fäden unseres Geistes, unserer Seele und unserer Leiber sind nach ganz anderen Strickmustern zusammengewirkt. Wir denken nicht nur ständig in den «Formen», in den Gesetzmässigkeiten der mineralischen Welt, sie formen auch die Logik unserer Gefühle und Impulse. Es tut uns weh, wenn Sachen nicht mit der Verlässlichkeit mechanischer Gesetzmässigkeiten ablaufen. Unser «Ich», das der Buddha damals noch ganz vordergründig einfach als Illusion aus dem Erleuchtungsprozess herauswerfen konnte, durchsetzt unser Wesen in einer Art, die so nicht mehr aus dem Menschenapparat gelöscht werden kann.
Dieses Hereingewoben-Sein in die Wirklichkeit des Physischen (und das ist auch die Geistigkeit des Physischen), nennt Rudolf Steiner die «Bewusstseinsseele». Das Beste an dieser Bewusstseinsseele ist der Geist von Objektivität, Sachlichkeit und Distanz, der am Physischen und seinem Geistfundament gewonnen wird. Die Schattenseite ist der ganz andere Grad von Leibverwobenheit der gesamten Menschennatur, und die viel höhere strukturelle Egoität, die alles im Menschenwesen durchzieht.
Die «Bewusstseinsseele» kann der westliche Mensch nicht schadlos überspringen. Wo Menschen aus dem westlichen Kulturkreis das heute trotzdem versuchen, entstehen leicht krankhafte Erscheinungen wie entgrenzte («verschwiemelte») Gesichter, Augen voller holden Wahns, «schwebender» Bewegungsduktus usw – Phänomene, die bei den asiatischen Lehrern dieser Menschen keineswegs in Erscheinung treten. Es wird nicht wirklich das illusionäre Ich gelöscht. Es wird nur die überkleisternde Illusion beschworen, als sei das gelungen.
Der westliche Mensch muss das «niedere Ich» in seine Erleuchtungsarbeit einbinden, ihm darin einen kontrollierten Platz und eine Aufgabe geben. Das niedere Ich kann sich nur selbst klären. Es ist der Frodo, der den flammenden Ring der Egoität nur selber zurückgeben kann. Niemand sonst kann das für ihn tun.
Und das baut Steiner in die klassische Vipassana-Übung ein. Die alte Übung geht daraufhin, das Denk- und Vorstellungsleben zu beobachten, um einen Bewustseinsstandort ausserhalb des Denkprozesses einzurichten und zu befestigen (dhammanu passana): Es entsteht ein Beobachter ausserhalb und oberhalb der Denkprozesse, die da kommen und gehen . Dieser Betrachter nimmt das denkende Ich als etwas ganz anderes wahr, als das «Ich» sich selber wahrnimmt. Das Ich erlebt sich als selbstgesteuert, konsistent und den Seelenkern bildend. Dem sich darüber erhebenden Betrachter zeigt es sich als umweltgesteuert, zufallsgesteuert, gewohnheitsgeprägt und illusionsgeladen. (Die Erfahrung kann sich bis zum sogenannten Hütererlebnis steigern.)
Steiner gibt dieser Übung eine bemerkenswerte Wende. Als «Konzentrationsübung» ist sie die fundamentale Übung, die er anregt. Er lässt zwei «Iche» agieren. Der achtsame Beobachter ausserhalb des denkenden «Ich» stellt dem Ich die Aufgabe, eine logische oder in anderer Weise sinnvolle Reihe von Vorstellungen konsistent zu entwickeln. Es darf sich dabei von dem Beobachter angeschaut fühlen. Das niedere Ich darf sich vor dem höheren Ich zu bewähren versuchen.(1) Daraus ergeben sich im längeren Üben «Verständigungsmöglichkeiten» zwischen den beiden Instanzen, die in die Zivilisationsprodukte des «niederen» Ich, – nämlich Naturwissenschaft, Technik, Wissenschaft überhaupt, Kunst, Ideale, soziale Ziele usw – die Weltelemente und die Einsichtsfrüchte des «höheren Ich» einfliessen lassen. (Auf die beliebte Debatte, ob solcher Wortgebrauch nicht das völlige Unverständnis der Ichlosigkeit (anatman) verrät, wollen wir ersteinmal verzichten.)
Das sich selbst verwandelnwollende Illusions-Ich, das ist Goethes «Grüne Schlange». Sie wird zur Edelsteinbrücke zwischen der Sinneswelt und der Geistwelt. Sie wird ein selbstloser Kraftort: rein, selbstlos und objektiv wie Edelstein. Auf ihm entsteht in Goethes Märchen «der besuchteste Tempel auf der ganzen Erde».


Ist Buddha immer nur der «historische Buddha»?

Als ich vor 40 Jahren in einem kleinen Kreis von Schülern in Berlin meine intime Einführung in die Anthroposophie mitmachte, sagte unser Lehrer Manfred Schmidt-Brabant eines Abends: «Der Gotama Buddha ist der Lehrer der Meditation in der anthroposophischen Strömung.» Darüber wurde nicht viel gesprochen, aber es war unvergesslich.

Eindrucksvoll kann auch sein, wie Rudolf Steiner in seinen Mysterien-Dramen den eigentlichen Eingeweihten einführt, den Benedictus. Der ist offensichtlich das künstlerische Aequivalent von Steiner selbst. Die Szene ist bald in Benedictus' Meditationszimmer, dem Ort seiner eigenen geistigen Arbeit. Was tut er ? Der Raum ist geprägt durch einen mannshohen Meditationsaltar mit einem ausstrahlenden Meditationssymbol auf dem Bildträger des Altars und einem komplementären einsaugenden Gebilde im eigentlichen Altarkorpus. In einer Notitz bemerkt Rudolf Steiner dazu, dass es sich um einen einheitlichen Strom handle: Die Geistsubstanz ströme in den Raum aus in den Worten des Rosenkreuzerspruches (Ex deo nascimur, in Christo morimur, per spiritum sanctum reviviscimus). der Strom ziehe sich wieder zusammen und aus der Umwelt zurück in dem Wortklang Om mani padme hum. Benedictus meditiert für sich die Umwandlung, die Umstülpung des grossen Mantras des Westens in das des Ostens und umgekehrt; das grosse Buddha- und das grosse Rosenkreuzmantram, das ist seine Arbeit.

Solche Hinweise auf die Nähe der Anthroposophie zum Buddha-Impuls gibt es mehr und gewichtige. Für den anthroposophischen mainstream ist das aber noch weit weg.


Aus einem Lebenswerk des Vipassana

Die Beobachtung von Wahrnehmen und Denken und die immer weitergehende Vertiefung solchen Beobachtens in die illusionsfreie Schau der (geistigen) Welt beginnt bei Steiner mit seiner Philosophie und bleibt das zentrale Übungsmoment bis zu seinem Lebensende. Damit stellt er sich in einen alterwürdigen Vipassana-Strom des Westens: Schon die Anthropologie des Aristoteles beschreibt im Buch “Von der Seele» den Kern des Menschen als Zusammenspiel des sinnlich Erfahrbaren und seiner denkerischen Klärung.
Bereits der junge und frühe Steiner meditiert philosophierend oder philosophiert meditierend den Weg des Ich aus der Illusion in die Wirklichkeit. Er sucht die Weltelemente, die Wirklichkeitselemente, die in das subjektive, illusionäre Vorstellungsarsenal der Seele hereinragen. Sie sollen in zur Wirklichkeit, (zur «Welt») führen. Diesen seinen Weg dokumentiert er in seinen philosophischen Werken.
Und so beschreibt er seinen Schulungsimpuls auch noch an seinem Lebensende: «Anthroposohie ist ein Erkenntnisweg, der das Geistige im Menschenwesen zum Geistigen im Weltall führen möchte.»
Was er beabsichtigte, nannte er allerdings nicht Vipassana sondern Licht-Seelen-Yoga, einen Yoga, der nicht das Luft-Atmen beobachtet, sondern das «Einatmen» der Sinneswahrnehmung und das «Ausatmen» der sich in Erkenntnis verwandelnden achtsamen Aufmerksamkeit.
Wenig beachtet wurde, dass er den Licht-Seelen-Yoga, den Weg des Vipassana, den Inhalt seiner Philosophie auch als Meditationsbuch, als meditatives Schulungsbuch gegeben hat. Anlässlich des Versuches, einen initiativen Führungskreis, einen ersten Initiativ-Vorstand für seine Bewegung zu stiften, legte er eine Summe seines bisherigen Lebenswerkes in einem komplexen Gebilde von 52 aufeinander bezogenen Mantren vor, dem Seelenkalender.
Was sich im Menschen ereignet, einmal als Hingabe an die Wahrnehmung und komplememtär ergänzend als Selbstbegründung durch Denken und Ziele-Setzen, wird verständlicher durch sein Gegenbild in der Aussenwelt, die Natur im Wechsel von Sommer und Winter. Vertieft man die Innen- und Aussenbeobachtung, führt das in die eigentliche schaffende Geistwirklichkeit, die sowohl im Menschen wie in der «äusseren» Naturwelt wirkt.

Im Ausbilden der Fähigkeit von Hingabe und immer grenzenloserer Hingabe und polar dazu von immer stärkerer Konzentrationsfähigkeit (Selbststeuerung) sieht Steiner die Summe aller geistigen Schulung.(2)

Die Chakren, die entfalteten geistigen Wahrnehmungsorgane, sind einander komplementär ergänzende Seelenformen der Higabe und der Konzentration. So entsprechen auf dem Weg der Wahrnehmung (Sommerweg, Hingabe) die sich öffnenden Stufen von Positivität, Unbefangenheit und Gleichmut den sich zurückziehenden, ablösenden, abschliessenden Konzentrationsschritten von Vorstellungskontrolle, Handlungs(-erfolgs-)kontrolle und Ausdauer auf dem Winterweg.



Der Sommerweg

– Zunächst zieht die Aussenwelt mit der Wahrnehmung die Seele (und das Denken ) aus dem Menschen heraus in die Sinneswelt hinein («Ins Äussere des Sinnesalls verliert Gedankenmacht ihr Eigensein»).
– Im Aussersich-Sein, in der Sinnesextase befruchtet die Aussenwelt die Seele - das tut mehr oder weniger jede Sinneserfahrung. Tatsächlich zeugt die Wahrnehmung das, was wir unser Ich nennen - und auch das, was als höheres «Ich» in uns schafft. (“ ... zu schenken mir die Kraft, die, ohnmächtig sich selbst zu geben, mein Ich in seinen Schranken ist.”)
– In vielen Schritten verfolgt der Seelenkalender auf dem Sommerweg weiter, wie das «vom Weltenwort Gezeugte» in der Seele heranreift. Dazu lernt die Seele von der grossen Mutter, der Natur, selber eine Mutter zu werden: «zu tragen mich in mir».


Der Winterweg

– Hier beginnt alles mit der Selbsterfahrung: «Ich kann, im Innern neu belebt, erfühlen eignen Wesens Weiten, und krafterfüllt Gedankenstrahlen aus Seelensonnenmacht den Lebensrätseln lösend spenden».
– Dem Tiefwinter entspricht die Opferung des niederen und die Geburt des höheren «Ich» und das Wachsen des Geistgeborenen (der «Geistgeburt»). Das geschieht durch das weitere Reinigen und Belehren der Sinnesorgane («Es festigt sich Gedankenmacht im Bunde mit der Geistgeburt. Sie hellt der Sinne dumpfe Reize zur vollen Klarheit auf.»)
– Durch die Sinnesorgane, die das aus der Geistgeburt entspringende Denken verwandelt hat, zieht die ganze «Welt» in den Menschen ein und findet sich selber im Menschen («Ins Innere des Menschenwesens ergiesst der Sinne Reichtum sich, es findet sich der Weltengeist im Spiegelbild des Menschenauges...» Das Weltendasein spricht zum Menschen : «In dich mein Wesen tragend aus seinem Zauberbanne (Samsara), erreiche ich mein wahres Ziel.»)
Etwas Neues im Vipassana ist Steiners detaillierte Beobachtung dieser Vorgänge bis in eine sinnlich-übersinnliche Physiologie hinein. Er stellte solche Vorgänge gerne, man möchte sagen eingehüllt in Kunst dar, etwa in den Fenstern des Goetheanumbaues oder in den dortigen Kuppelmalereien. Aber er wollte mehr. So bekannte er 1917, er hätte gerne seine ganze Vipassana-Weisheit in Bild und Zeichen gebracht: «Ich würde sehr gerne den Inhalt meiner ‹Philosophie der Freiheit› zeichnen. Das liesse sich ganz gut machen. Nur würde man es heute (1917) nicht lesen können. Man würde es heute nicht empfinden können, weil man auf das Wort dressiert ist.»(3)
Tatsächlich hat er in den Jahren 1919 und 1920 quasi unbemerkt «den Inhalt seiner Philosophie gezeichnet». Auf einer höheren Erfahrungsstufe, wenn man immer mehr anfängt, «die Dinge zu sehen, wie sie wirklich sind», sieht man die Begriffszusammenhänge wie eine Schrift vor sich. Man liest das Sinnliche wie das Übersinnliche als eine Schrift. Steiner beschreibt das so: « Die okkulte Schrift offenbart sich der Seele, wenn diese die geistige Wahrnehmung erlangt hat.… Man wächst in sachgemässer Weise der hellsichtigen Erkenntnis entgegen, und während dieses Wachsens entwickelt sich wie eine seelische Fähigkeit die Kraft, welche die vorhandenen Geschehnisse und Wesenheiten der geistigen Welt wie die Charaktere einer Schrift zu entziffern sich gedrängt fühlt.»(4)
Die Veranschaulichung solcher Erfahrung hat Rudolf Steiner lange in seinen Esoterischen Stunden versucht. Wohl wegen Erfolglosigkeit hat er das im Jahr 1911 aufgegeben. (Das erklärt sein Urteil: «Nur würde man es heute nicht lesen können.») Die «Verborgene Schrift» tritt dann lange nur als unbesprochenes «öffentliches Geheimnis» in seinen Kunstunternehmungen auf, in den erwähnten Skulpturen, Säulen, Malereien und Glas-Radierungen des Goetheanumbaues, in der Eurythmie und seiner Sprach- und Dramenbehandlung usw.
So legte er auch den Choreografien für die tänzerische Darstellung seines Seelenkalenders solche Erfahrungen der okkulten Schrift zugrunde. Und anders als zu Steiners Zeiten kann man heute eine solche Schrift durchaus verstehen. Dieses Verständnis ist mit dem gekommen, was man den iconic turn nennt, die Bildwende. Damit bezeichnet man das Phänomen, dass seit ein, zwei Jahrzehnten überall in Zeichen und Bildfolgen gedacht wird. Statt mit wortreichen Satzungen regelt man heute Zusammenarbeit lieber durch Organigramme; Entscheidungsträger müssen heute Charts und Diagramme sicher erfassen und einsetzen können. 85 Jahre nach Steiners Tod ist das eine vielgeübte Zivilisationstechnik. Heute kann man eine gezeichnete Anleitung zum Vipassana lesen. Das kann dann so aussehen:


Ein Beispiel aus dem Sommerweg

Wenn man den Moment beobachtet, in dem die Seele sich selber in der Hingabe an die Wahrnehmung verliert, wenn sie das «wird», was sie wahrnimmt, wirken da zwei Faktoren:
– Da ist eine elementarische Kraft aus der Natur, die den Menschen «bezaubert», fasziniert und überwältigt, «verführt».
– Und da ist die Eigenbereitschaft des Menschen, sich zu versenken.
Dieses Doppel-Erlebnis ‹vor der Natur›, das sich auch bis zum gänzlichen Selbstverlust steigern kann, hat der Wahrnehmungsbeobachter Goethe in die berühmten Zeilen gefasst: Da war's um ihn geschehn. Halb zog sie ihn, halb sank er hin und ward nicht mehr gesehn. Steiner schildert die beiden Faktoren genauer:

A: Die elementarische Macht


Es wächst der Sinne Macht

Und diese Macht über den Menschen haben die in den Sinnen wirkenden
Überwältigungskräfte ganz im Einklang mit der Weltenordnung:


Im Bunde mit der Götter Schaffen.


Sie drückt des Denkens Kraft
Zur Traumesdumpfheit mir herab.

B: Das Sich-Versenken als Selbst-Opfer

Der menschliche Mut zur Hingabe, zur Aufopferung an die Wahrnehmung, die positive Unbefangenheit, von der Welt übernommen und verwandelt zu werden, die besteht darin, anstatt sich das Denk-Ich von den Elementarwesen in den Wahrnehmungskräften in die Dumpfheit herabdrücken zu lassen, es selber zum Schweigen zu bringen. Dazu bringt man die Denkenergien (grün) wie gefaltete Hände, wie Kraft und Gegenkraft zur Ruhe. Bewirkt man das selbst («halb sank er hin»), dann entsteht im Aufmerksamkeitsfeld ein Freiraum, in dem sich auch die Götter (rote Form, lebensprossende Kräfte) offenbaren können. Hier gilt: «Zum Geist-Erschauen stelle Gedankenruhe her!":



Wenn göttlich Wesen sich
meiner Seele einen will,
muss menschlich Denken
Im Traumessein sich still bescheiden.

Die Zeichnungen machen alles das konkreter als es Worte können. Wir vermögen die elementarische Kraft genau zu lokalisieren, die über die Sinne auf uns einwirkt und uns selber formt, zu ihresgleichen umformt. Wir suchen nicht mehr nur da draussen die Nixen und Elfen, sondern beobachten ihre Formkräfte in unseren Sinnesorganen und unserem Gehirn.
Und dann löschen wir das aus und beobachten nun das Gleiche als freie Tat des Menschen und die ganz anderen Folgen.
So schildert Steiner detailliert das Untertauchen in die Wahrnehmung sinnlicher und übersinnlicher Art. Als Naturwirkung sieht er diese Wirkung am stärkesten Ende Mai zugreifen (Achter Spruch des Seelenkalenders).


Komplememtärerfahrung auf dem Winterweg

Der Dialektiker Steiner studiert nun auch noch den polar gegenläufigen Prozess.
Was geschieht auf dem Winterweg? Wie sieht der Vorgang aus, wenn der Mensch nicht voller Hingabe in der Wahrnehmung verschwindet und untertaucht, sondern seine Denkkräfte als «Belehrer der Sinnesorgane» in achtsamer Konzentration in den Wahrnehmungsorganen und über die Organe hinaus in der Wahrnehmungsaktivität betätigt?
‹Jeder› kennt den Seh-Strahl, den man spürt, wenn man von hinten angeblickt wird. Was man da spürt, ist die Intention, die fragende Denkaktivität im Wahrnehmungsakt. Die kann sehr simpel sein. «Was macht die denn da?» Das kann sich anfühlen, als ob man angerempelt würde. Wenn sie eine achtsame, erkenntnisoffene Intention sein soll, sollte sie eigentlich zwei Dinge miteinander verbinden: den Zentralblick und den Umkreisblick.
Was dringt in jedem Sinneseindruck aus dem Umkreis gestaltend herein? Wie stehen in diesem Bildekräftefeld (Umkreis) die körperlichen Einzelheiten (Zentren) ? Verwebt mein Denken – nicht ich, sondern mein anschauendes, die ‹Dinge› berührendes, erfassendes Denken! – verwebt mein Denken beides in weltgerechtem Urteilen? Bewirkt mein fragender Denkwille, dass sich die Weltgedanken der ‹Dinge› in mir aussprechen?
Die Gedankenmacht, die das kann, entspringt im Selbstbewusstsein des Geistes von sich. Sie entspringt in der zweiblättrigen Lotosblume auf der Stirn des Menschen bzw in ihren Vorläuferorganen. Dieses Organs wird man sich in der richtigen Meditation des Om mani padme hum bewusst: Wahrlich, das Juwel in der Lotosblüte bin ich.
Die Geistgeburt (das Juwel, mani) in dem blütenartigen Organ (Lotos, padme) wächst heran zum Welten-Ich in uns. Wenn Gedankenintentionen, die im Bunde mit diesem Wesen stehen, in die Augen und in andere Sinnesorgane einströmen und durch die Organe hindurch in die «Welt» – dann bringen solche Denkkräfte das Weltendenken da draussen zum Sprechen.
(Diese Haltung wird aus den Naturkräften am stärksten in der ersten Februarhälfte angeregt: Fünfundvierzigster Spruch)



Es festigt sich Gedankenmacht
Im Bunde mit der Geistgeburt,
Sie hellt der Sinne dumpfe Reize
Zur vollen Klarheit auf.

Wenn Seelenfülle
Sich mit dem Weltenwerden einen will,
Muss Sinnesoffenbarung
Des Denkens Licht empfangen.

Steiner zeigt in den Zeichen der verborgenen Schrift, was sich in den Organen im Einzelnen vollzieht:

Die blauen Formen zeigen uns, was das Auge von sich aus kann, aber auch, was ihm noch fehlt.
– Im Zentrum des Auges symbolisiert die einwickelnde Spirale die Wahrnehmungskraft des detailgenauen Sehens. Für sich allein machte die mit ihr bezeichnete Kraft den Blick zu einem verletzenden Organ. Da wirkt ein Denken, das sich von den physischen Details faszinieren lässt. Sie ist das Gegenstück der auswickelnden Spirale, die in den anderen Meditationsbildern die Faszinationskraft der Elementarwesen beschrieb.
– Die Umkreisform allein für sich zeigt uns die Kraft, die man im verschwommenen Blick der falschen Esoteriker erlebt.

Für beide Arten des Wahrnehmens geben die orangenen Gedankenkräfte nun das Heilmittel:
– Der verengenden Spirale fügen sie die belebenden Schlaufenbildungen zu, die wir bereits von den runden roten Götterformen in der anderen Bildzeichengruppe kennen.
– Dem sich verlierenden Umkreisblick fügen sie Überkreuzungen, urteilsbildende Kräfte zu.
So lernt man sehend, wie man (nach Goethe) seine Sinnesorgane zu belehrt.


Buddha im Westen

Das Vorgebrachte soll die Ansicht unterstützen, dass der Buddha als der grosse Lehrer des Vipassana vielleicht nicht nur als Begleiter seiner Traditionen den Weg in den Westen findet, sondern als Lehrer, Helfer und Inspirator noch auf ganz andere Art Schüler und Mitwirker findet und ganz neuartige Wirksamkeiten entfaltet.
Steiner sah den Buddha auch eng verbunden mit dem Erscheinen der Jesus-Gestalt. Das Wachstum seiner Wirksamkeit, das der Buddha nach seinem Aufstieg ins Nibbana erworben habe, sein Wirksamkeitskörper (Nirmanakaja) sei der tragende Hintergrund jener Offenbarung gewesen, die die Hirten auf dem Felde bei Betlehem gehabt haben.
Ich stelle mir ganz selbstverständlich vor, dass auch die Begründung der Mönchsgemeinschaften in Europa nicht ohne ihn sich habe vollziehen können. Der Erleuchtete, der durch 40 Jahre seines Lebens die wirkungsmächtigste Mönchsbewegung der Erde begründete, wird auch mitgewirkt haben, als aus den schweifenden Anachoreten im Jahre 529 auf dem Monte Cassino die Mönchsgemeinschaften Europas ihren Anfang nahmen. Das Mantram «Bete und arbeite» fasste den Begründungsimpuls der Gemeinschaften zusammen. Es ist eine Kurzfassung des achtfachen Pfades:
Die richtige Vorstellung führt zu den richtigen Idealen und Vorhaben, zur richtigen Rede und dann zur richtigen Tat. So arbeitet man.
Erst wer sein Leben richtig einrichtet, richtig strebt und in richtiger Achtsamkeit lernt, kann richtig meditieren und beten. Das ist die Logik des «Ora et labora».

Wieviel Europa wurde dadurch geprägt ?

Die buddhistische Dogmatik sieht das vielleicht anders, aber möglicherweise nur in Anhaftung an traditionelle Deutungsmuster. Vielleicht kommt der Buddhismus auf seinem Weg in den Westen mit allem, was er zu bringen hat, in einer schon gewachsenen jahrhundertealten Buddhawelt an?


1) Siehe: Die Geheimwissenschaft im Umriss, S.330. In Steiners Schrift Von Seelenrätseln, in der es insbesondere um das Verhältnis von Geistesforschung und akademischer Wissenschaft geht, behandelt er dieses Zusammenspiel von «höherem» und «niederem» Ich als das Verhältnis von Anthropologie und Anthroposophie.

2) Am deutlichsten ausgesprochen in «Inneres Wesen des Menschen und Leben zwischen Tod und neuer Geburt», GA 153, Öffentlicher Vortrag 6. April 1914, und der Schrift Die Schwelle der geistigen Welt GA 17, ab der zweiten Hälfte

3) Rudolf Steiner Das grafische Werk, Vortrag vom 3. Dez. 1917, Dornach 2008

4) Aus: Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten? GA 10, Kap. Die Einweihung, Wasserprobe

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